Kuschelhormon Oxytocin

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Ein Hormon für eine stärkere Bindung

Intensiver Blickkontakt wird oft­mals als dro­hen­des Starren in­ter­pre­tiert. Doch schaut der Mensch sei­nem bes­ten Freund di­rekt in die Augen, soll dies po­si­ti­ve Gefühle aus­lö­sen und die Bindung zwi­schen bei­den so­gar stär­ken. Der Grund hier­für lie­ge in der Ausschüttung des Hormons Oxytocin bei Mensch und Hund.

Ursprünglich wur­de Oxytocin als Kuschelhormon durch sei­ne Funktionsweise zwi­schen Mutter und Kind be­kannt. Die Neurohypophyse der Mutter pro­du­ziert das Hormon, wo­durch sie si­ch um das Kind küm­mert. Ihre Zuwendung führt auch zu ei­ner Oxytocinausschüttung beim Kind, wel­ches si­ch da­durch ver­stärkt der Mutter zu­wen­det. So ent­steht ei­ne Art selbst­be­loh­nen­der Kreislauf ge­gen­sei­ti­ger Zuneigung und Oxytocinausschüttung. In ei­ner Studie vom April 2015 wur­de un­ter­sucht, ob der­sel­be Mechanismus auch zwi­schen Menschen und Hunden funk­tio­niert.

Jacqueline G - Hund und MenschEin Team von Wissenschaftlern um Miho Nagasawa un­ter­such­te die Mensch-​Hund-​Hormon-​Beziehung in der Arbeit »Oxytocin-​gaze po­si­ti­ve loop and the coe­vo­lu­ti­on of human-​dog bonds«. Sie ka­men zu dem Ergebnis, dass in­ten­si­ver Blickkontakt zwi­schen Hund und Halter den Oxytocin-​Spiegel auf bei­den Seiten an­stei­gen lässt. Besonders in­ter­es­sant ist hier­bei, dass der Mechanismus art­über­grei­fend zu funk­tio­nie­ren scheint. Dass Hund und Mensch hier aber ver­mut­li­ch die Ausnahme sind, be­wies ein zwei­ter Versuch mit von Menschen auf­ge­zo­ge­nen Wölfen. Unter den­sel­ben Bedingungen konn­te kei­ne Oxytocin-​Erhöhung durch in­ten­si­ven Blickkontakt fest­ge­stellt wer­den. Dieses Tier-​Mensch-​Phänomen und sei­ne kör­per­li­chen Ausprägungen wa­ren im Laufe der Zeit Thema vie­ler Forschungsarbeiten, dar­un­ter die Doktorarbeit »Human-​Human and Human-​Animal Interaction« von Linda Handlin im Jahr 2010, die Abhandlung »Neurophysiological Correlates of Affiliative Behaviour bet­ween Humans and Dogs« von Johannes Odendaal und Roy Meintjes aus dem Jahr 2003 so­wie die Studie »Psychosocial and Psychophysiological Effects of Human-​Animal Interactions: The Possible Role of Oxytocin« von Andrea Beetz und ih­ren Kollegen. Besonders für tier­ge­stüt­ze Therapie ist die­ses Phänomen von gro­ßem Interesse.

Doch was be­deu­tet das für Hundehalter? Die US-​amerikanischen Wissenschaftler Evan MacLean und Brian Hare ver­mu­ten in ei­nem Kommentar zu der ja­pa­ni­schen Studie, dass Hunde ge­lernt hät­ten, die elterlich-​führsorglichen Gefühle des Menschen durch Blickkontakt aus­zu­lö­sen und da­mit für si­ch zu nut­zen. Durch die be­schrie­be­ne Rückkopplung be­lohnt si­ch der Hund da­mit gleich­zei­tig selbst, wenn der Mensch den Blickkontakt er­wi­dert, da au­to­ma­ti­sch auch beim Vierbeiner der Oxytocin-​Spiegel steigt.

Dass Hund und Mensch ei­ne tie­fe Beziehung ha­ben (kön­nen) und si­ch auch weit bes­ser ver­stän­di­gen kön­nen, als so man­cher glaubt, ha­ben be­reits an­de­re Studien im Laufe der Zeit ver­sucht zu be­wei­sen. Beispielsweise wur­de an der ve­te­ri­när­me­di­zi­ni­schen Universität in Wien ein Versuch durch­ge­führt, der zei­gen soll­te, ob Hunde ver­schie­de­ne Gesichtsausdrücke bei Menschen er­ken­nen. Den Tieren wur­de auf ei­nem Touchscreen je­weils ei­ne Hälfte ei­nes wü­ten­den und ei­nes freund­li­chen Gesichts ge­zeigt. Ein Teil der Hunde soll­te das wü­ten­de Gesicht an­stup­sen, um ei­ne Belohnung zu er­hal­ten, ei­ner das freund­li­che. Im nächs­ten Schritt wech­sel­ten die Bildausschnitte der Gesichter, um zu tes­ten, ob die Hunde wei­ter­hin das wü­ten­de oder freund­li­che Gesicht wäh­len, um die Belohnung zu er­hal­ten.

Jacqueline G - Hund und Mensch 2Ludwig Huber, Verfasser der Studie, ist auf­grund der Ergebnisse si­cher, dass Hunde ein fröh­li­ches von ei­nem wü­ten­den Gesicht un­ter­schei­den kön­nen. Ob Hunde je­doch wis­sen, wel­che Emotion hin­ter dem Gesichtsausdruck steckt, ist nicht­klar. Es zeig­te si­ch al­ler­dings, dass die Hunde, die für das Anstupsen des wü­ten­den Gesichts be­lohnt wur­den, lang­sa­mer lern­ten. Das lie­ße den Schluss zu, dass die Tiere aus vor­he­ri­gen Erfahrungen ge­lernt hat­ten, bei wü­ten­den Menschen auf Abstand zu ge­hen. Außerdem ver­deut­licht die­ser Versuchsaufbau, dass die Hunde nicht nur das ge­sam­te Gesicht, son­dern auch ein­zel­ne Partien in ent­spre­chen­der Weise deu­ten kön­nen.

Hündisches Verhalten und Reizverarbeitung so­wie die Beziehung und die Verständigung zwi­schen Mensch und Hund sind und blei­ben al­so ein in­ter­es­san­tes Forschungsfeld. Im Laufe der Jahre hat der Mensch hier be­reits die ein oder an­de­re Überraschung er­lebt, auch wenn es si­cher no­ch mehr zu ent­de­cken gibt.

Die neu­es­ten Erkenntnisse über Oxytocin je­den­falls sind er­staun­li­ch. Welcher Hundehalter hät­te schon ge­dacht, dass die Bindung zu sei­nem bes­ten Freund mit­un­ter auf der Wirkung von Hormonen be­ruht? Außerdem be­weist die Studie, was Hundetrainer schon lan­ge be­rich­ten: Beschäftigung mit dem Hund zahlt si­ch aus, denn wer sei­nem Hund Aufmerksamkeit schenkt, ver­bes­sert da­mit auch die Bindung zu ihm.

Autor: Jacque­line G.
Bilder: Jacqueline G.

er­schie­nen in TierZeit – Aus­gabe 12
13. Dezem­ber 2015

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