Vom Wolf zum Hund

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Die Domestikation und Züchtung des modernen Haushundes

 

Dass der Hund vom Wolf abstammt, ist bekan­nt. Wann und wie aus dem Wolf der beste Fre­und des Men­schen wurde, ist noch heute Gegen­stand der Forschung. Fakt ist aber, dass der Men­sch im Laufe der Jahrhun­derte durch gezielte Zuch­tauswahl den Wolf stark verän­derte. So ent­standen alle unsere Haushunde, vom kle­in­sten Chi­huahua bis hin zur größten Deutschen Dogge.

Alex S WolfEs wird davon aus­ge­gan­gen, dass Wölfe, die sich schon immer in der Nähe men­schlich­er Sied­lun­gen aufhiel­ten, den Schritt auf die Men­schen zug­in­gen und so ihre Domestika­tion zum Haushund ein­leit­eten. Der Men­sch duldete sie lange Zeit um sein Lager, wo sie sich von seinen Abfällen ernährten. Nach und nach lern­ten die Men­schen weit­ere Eigen­schaften zu schätzen, zum Beispiel das War­nen vor Gefahr. Es ent­stand eine Sym­biose: Bei­de Arten prof­i­tierten von der Anwe­sen­heit der anderen. Ein möglich­er Grund für eine Inten­sivierung des Zusam­men­lebens kön­nte die Lager­säu­berung und die Vor­liebe für men­schliche Exkre­mente gewe­sen sein, wie sie noch heute in Ostafri­ka beobachtet wird. Dort fressen Hunde nicht nur den Kot der Kleinkinder und Babies, sie erset­zen darüber hin­aus Windeln, indem sie die Kinder sauber leck­en. Außer­dem dienen die Hunde als Spiel­ge­fährten. Weit­er wird ver­mutet, dass erste Haushunde bei der Jagd halfen, Beute auf­spürten und stell­ten.

1962 wur­den in ein­er Höh­le in Sibirien Knochen gefun­den, die so gut erhal­ten waren, dass sie mor­phol­o­gisch ein­deutig einem domes­tizierten Hund zuge­ord­net wer­den kon­nten. Mit­tels Radiokar­bo­nanalyse war es dem Wis­senschaftler Niko­lai Ovodov und seinem Team möglich, zusät­zlich das Alter der Über­reste zu bes­tim­men. Das Tier lebte vor cir­ca 33 000 Jahren. Es han­delt sich dabei um den ältesten bish­er bekan­nten Knochen­fund. Dies lässt grobe Rückschlüsse darauf zu, wann der Hund domes­tiziert wurde. Die Domestika­tion und Verän­derung des Wolfes zum Hund muss dem­nach vor mehr als 33 000 Jahren stattge­fun­den haben.

Wann genau die Domestika­tion begann, ist nicht voll­ständig gek­lärt und ob man es je genau ermit­teln kann, ist unsich­er. Mit­tels moleku­lar­biol­o­gis­ch­er Uhr kann die Wis­senschaft fest­stellen, wann sich Arten voneinan­der abspal­ten, wom­it sich der Beginn der Domestika­tion fest­stellen ließe. Allerd­ings ist diese Schätzung von ver­schiede­nen Behaup­tun­gen abhängig. So ist die Verän­derung der Fortpflanzungsak­tiv­ität irgend­wann im Laufe der Domestika­tion prob­lema­tisch. Während sich Wölfe streng saison­al ein­mal im Jahr fortpflanzen, wer­den mod­erne Hündin­nen nicht nur rund ums Jahr läu­fig, sie kön­nen auch viel früher im Leben und bis zu zweimal im Jahr Nach­wuchs aufziehen.

Moleku­lar­biol­o­gis­che Stu­di­en sind aber nüt­zlich, um den Ort der Domestika­tion einzu­gren­zen. Wis­senschaftler um den Genetik­er Robert Wayne unter­sucht­en Gense­quen­zen von 225 Wölfen und 912 Hun­den aus 85 Rassen. Sie stell­ten fest, dass Haushunde am eng­sten mit dem asi­atis­chen Grau­wolf aus dem Jor­dan­land ver­wandt sind. Der Ursprung des Haushun­des kön­nte also wie die Wiege der Men­schheit im Mit­tleren Osten liegen.

Beim Ver­gle­ich zwis­chen dem Wolf und dem heuti­gen Haushund ist auf­fäl­lig, dass die Domestika­tion den Hund optisch stark verän­derte. Aber auch im Ver­hal­ten unter­schei­den sich bei­de Caniden, da der Men­sch den Hund zu seinem Nutzen formte. Hunde verän­derten sich dahinge­hend, bess­er mit Men­schen zu kom­mu­nizieren. Das wirk­te sich neg­a­tiv auf die inner­artliche Kom­mu­nika­tion aus, wie die Hunde‐Ethologin Dorit Feddersen‐Peterson durch den Ver­gle­ich von Gehegev­er­suchen mit Wölfen und Schäfer­hun­den fest­stellte. Auf­fäl­lig ist außer­dem das deut­lich vari­ablere Bel­lver­hal­ten der Haushunde, das sie zur Kom­mu­nika­tion untere­inan­der und mit dem Men­schen nutzen. Dieses hat der Men­sch sehr wahrschein­lich durch Selek­tion gefördert.

Alex S - Golden RetrieverDie gezielte Zucht begann vor 3 000 bis 4 000 Jahren. Je nach Bedarf förderte der Men­sch ver­schiedene Ver­hal­tensweisen, die grob in zwei Kat­e­gorien fall­en. Zum einen förderte der Men­sch Teile des Jagdver­hal­tens. So wur­den diverse Jagdhun­derassen als Jagdhelfer geschaf­fen. Bei Hüte­hun­den wurde eben­falls das Jagdver­hal­ten unter­stützt: Das Umkreisen und Zusam­men­treiben von Vieh entspricht ein­er Sequenz aus dem Jagdver­hal­ten von Wölfen. Bei Hof‐ und Schutzhun­den förderte der Men­sch die Ressourcen‐ und Reviervertei­dung der Hunde. In diese Kat­e­gorie fall­en auch alle Her­den­schutzhunde. Einzig die Gesellschaft­shunde mussten keine der­ar­tige Auf­gabe erfüllen, sie soll­ten in erster Lin­ie ein­fach nur Gesellschaft leis­ten.

Alle unsere mod­er­nen Haushunde wur­den für einen speziellen Zweck gezüchtet. Sel­ten kön­nen Hunde in der mod­er­nen Gesellschaft aber noch ihren ursprünglichen Auf­gaben nachge­hen. Vielmehr wer­den sie heute als »Fam­i­lien­hunde« gehal­ten. Wenn der Bor­der Col­lie die Kinder hütet oder der Weimaran­er regelmäßig eine von Nach­bars Katzen totschüt­telt, stören die durch Zucht­wahl geförderten Ver­hal­tensweisen. Daher ist es wichtig, sich bei der Wahl des neuen Gefährten inten­siv mit seinem ursprünglichen Ver­wen­dungszweck zu befassen und später geeignete Beschäf­ti­gungsmöglichkeit­en neben dem Spazierenge­hen anzu­bi­eten.

Autor: Alex S.
Bilder: Alex S.

erschie­nen in TierZeit Aus­gabe 11
14. Juni 2015

 

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