Tinbergen’s »Four Whys«

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Nikolaas Tinbergen war ein be­deu­ten­der Ethologe, ein Verhaltensforscher des 20. Jahrhunderts. Er gilt als Mitbegründer der Verhaltenserforschung bei Wildtieren.

Eine sei­ner be­deu­tends­ten Errungenschaften sind wohl die »four Whys«. Diese ba­sie­ren dar­auf, dass es auf Warum-​Fragen zum Verhalten von Tieren im­mer vier ver­schie­de­ne Antwortmöglichkeiten gibt, die das­sel­bi­ge er­klä­ren. Die ers­ten bei­den Antworten be­schrei­ben hier­bei, wie si­ch ein Verhalten im Laufe des Lebens des aus­füh­ren­den Individuums ent­wi­ckelt hat (pro­xi­ma­te ex­pla­na­ti­ons), die letz­ten bei­den, wie das Verhalten über Generationen hin­weg ent­stan­den ist (ul­ti­ma­te ex­pla­na­ti­ons).

Johanna G - StarKausalität/​causation

Die Antwort auf die Frage, war­um ein Tier ein ge­wis­ses Verhalten zeigt, kann im­mer mit ei­ner Ursächlichkeit be­ant­wor­tet wer­den. Beispielsweise wä­re ei­ne Antwort auf die Frage, wie­so männ­li­che Stare im Frühling sin­gen, dass das zu­neh­men­de Tageslicht Veränderungen in ih­rem Hormonspiegel her­vor­ruft.

Eine wei­te­re Möglichkeit der Kausalitätsantwort ist, den Vorgang an si­ch zu er­klä­ren: Männliche Stare sin­gen, weil si­ch die Luft auf ei­ne be­stimm­te Art durch ih­ren Stimmapparat be­wegt.

Die Antwort be­schreibt al­so im­mer die Ursache des Verhaltens, sei es ein me­cha­ni­scher Vorgang wie die Stimulierung des Stimmapparates, ei­ne hor­mo­nel­le Veränderung oder ein äu­ße­rer Reiz wie das Sonnenlicht, des­sen Wahrnehmung das Verhalten aus­löst.

Entwicklung oder Ontogenese/​development oder ontogeny

Eine zwei­te Antwortmöglichkeit er­gibt si­ch aus der (Individual-)Entwicklung ei­nes Tieres. Hierzu zäh­len so­wohl ge­ne­ti­sche Veranlagungen als auch er­lern­tes Verhalten. Die bei­spiel­haf­te Antwort auf die Frage, war­um ein Star singt, wä­re, dass er die Melodien ge­hört und durch Nachahmung er­lernt hat. Nicht zu ver­ges­sen ist da­bei, dass die ge­ne­ti­sche Grundlage hier­für vor­han­den sein muss, wel­che den Star über­haupt er­st da­zu bringt, ge­hör­te Melodien zu er­ler­nen. Über den Kontakt zum ge­hör­ten Gesang nimmt der Star so das Verhalten per se an.

Anpassung/​adaptive value

Die drit­te Antwortmöglichkeit ba­siert auf der Anpassungsfähigkeit und dem si­ch dar­aus er­ge­ben­den Vorteil, den das aus­füh­ren­de Individuum ge­gen­über an­de­ren Artvertretern hat, die das Verhalten nicht zei­gen. Weil Starenweibchen ih­re Partner un­ter an­de­rem auch an­hand des Gesangs aus­wäh­len, lockt ein sin­gen­der Star ver­mehrt Weibchen an und pflanzt si­ch da­durch häu­fi­ger fort.

Johanna G - ZaunkönigEvolutionsgeschichte oder Phylogenese/​evolutionary history or phylogeny

Hierbei geht es um die Entwicklung ei­nes Verhaltens im Verlauf der Evolution. Der Star ge­hört zu den Singvögeln, die nach dem auf­fäl­ligs­ten Merkmal – dem Gesang – be­nannt wur­den. Alle Arten die­ser Unterordnung zei­gen ei­nen mehr oder we­ni­ger aus­ge­präg­ten Gesang. Dies könn­te be­deu­ten, dass be­reits frü­he Vorfahren des Stars san­gen, wenn auch ver­mut­li­ch we­sent­li­ch ein­fa­che­re Melodien als heu­ti­ge Artvertreter. Der Gesang hat si­ch dem­nach im Lauf der evo­lu­tio­nä­ren Geschichte als vor­teil­haf­tes, durch­set­zungs­fä­hi­ges Verhalten er­wie­sen und ste­tig wei­ter­ent­wi­ckelt.

Autor: Jacqueline G.
Bilder: Johanna G,.

er­schie­nen in TierZeit – Aus­gabe 12
13. Dezem­ber 2015

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